Keiner weiß, was er kann und wozu er gut ist Geheimnisvoller Geograph
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| Angenommen,
bei einem Sektempfang gibt sich einer der Gäste als Quantenphysiker
zu erkennen: Wer würde da nicht vor Ehrfurcht erstarren und sofort
das Thema wechseln, um sich bloß keine Blöße zu geben?
Was aber, wenn die Partybekanntschaft kein Quantenphysiker ist, sondern ein Geograph? Das wäre weniger problematisch, schließlich hatte jeder mal Erdkunde in der Schule, mußte drei Nebenflüsse der Weser aufsagen und den höchsten Berg von Frankreich und hatte zu lernen, wo die Apfelsinen wachsen. Das einzige, was einem jetzt noch schleierhaft sein, wäre, wie jemand mit solchem Wissen Geld verdient Wollte er das erklären, müßte der neue Bekannte die Geographie beschreiben, müßte von Biotoppflege, Erosionsforschung und Bodenverdichtung berichten, müßte von Satellitenbildern erzählen und von Umweltgutachten, von Raumplanung und Dorferneuerung. Da er das schon so oft hat herbeten müssen, könnte er unwirsch behaupten, Geographen seien so etwas ähnliches wie Geologen. Zwar
wissen längst nicht alle Menschen, daß Geologen Spezialisten
für den Aufbau der Erde sind, für die Bildung von Gesteinen
und die Lage von Bodenschätzen. Gerade deswegen aber stößt
ihr Beruf in der Gesellschaft auf ähnlichen Respekt wie der des
Quantenphysikers. Indem er sich als Geologe ausgibt, würde der
Bekannte zudem einen Menge Zeit sparen, weil man ihn an dem Tag nach
dem Sektempfang ohnehin dafür halten würde - ganz so, wie
sein Frisör das tut oder seine alte Tante, auch wenn sie den Unterschied
schon fünfmal erklärt bekam. |
Das Ansehen der Geographen leidet darunter, daß so viele Menschen früher Erdkundeunterricht genossen oder erlitten haben und meinen, die moderne Geographie sei dasselbe. Dummerweise gingen auch Personalchefs früher mal zur Schule. Wer ihnen als Stellenbewerber den Job etwas erleichtern möchte, gibt sich am besten gleich als Geologe aus. Als solcher wird er zwar auch abgelehnt, aber der Personalchef hätte wenigstens das gute Gefühl zu wissen, wen er da wieder nach Hause geschickt hat. Schuld am verschwommenen Berufsprofil ist, daß Geographen sich für alles zuständig fühlen, womit sie so falsch nicht liegen. Denn ihre Ausbildung streift außer Mikroelektronik und indoiranischer Linguistik so ziemlich alles, was Universitäten so an Fächern zu bieten haben. Böse Zungen behaupten, Geographie studiere nur, wer seit einem mißlungenem Knallgas-Versuch ein gebrochenes Verhältnis zur Naturwissenschaft habe. Oder für den Betriebswirtschaft nicht in Frage komme, weil vom Vater kein Geschäft zu übernehmen ist.
Walter
Schmidt |
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